Kinder kooperieren immer

Kinder kooperieren immer

@piqs

Kinder kooperieren immer

23. August 2020

„Kinder kooperieren immer“ – einer meiner Leitsätze!

Was es damit auf sich hat, erkläre ich dir hier an einem Beispiel.

Stell dir eine Familie vor. Vater, Mutter, Kind. Das Kind, ein Mädchen, drei Jahre alt. Die Eltern leben getrennt. Es war eine schwierige Trennung. Der Kontakt zwischen Vater und Kind war fast ein Jahr unterbrochen. Die ersten Umgänge haben stattgefunden, der Kontakt konnte wieder angebahnt werden. Nach dem ersten Ferienumgang kam das Mädchen zurück und die Mutter musste feststellen, dass sich das Kind ungewöhnlich aggressiv zeigt. Sie schlägt, beißt, bekommt Wutanfälle.

Die Mutter denkt üblicher Weise, dass der Vater irgendetwas mit dem Kind „gemacht“ hat. Manipulieren, Gewalt anwenden, zu streng, zu starkes Verwöhnen,…. Was auch immer. Irgendwas muss beim Umgang schief gelaufen sein.

Der Vater merkt beim Umgang erstmal nichts. Das Kind ist fröhlich, unbeschwert, macht alles mit.

Woher kommen also diese Verhaltensauffälligkeiten?

Das Kind hat seinen ständigen Aufenthalt bei der Mutter, sie ist die wichtigste Bezugsperson. Dort ist das Zuhause, der sichere Hafen. Es liebt die Mutter.

Das Kind liebt auch den Vater, freut sich auf die Umgänge, hat Spaß. Ebenso beim Ferienumgang. Aber?! Es kennt den Vater nicht so gut wie die Mutter, weil es ja mit ihm nicht mehr zusammen lebt und das Zusammensein auch lange nicht „trainieren“ konnte.

Was macht das Mädchen also? Sie will es allen „recht“ machen. Das heißt, das Mädchen passt sich beim Umgang dem Vater an, macht alles mit, hat Spaß, nimmt sich zurück. Es will gefallen, es will Anerkennung, es will geliebt werden. All das entscheidet ein dreijähriges Kind natürlich nicht bewusst, es passiert „instinktiv“, unbewusst. Aber es passiert. Und das macht Stress. Denn nicht alles wird so ablaufen, wie es das Mädchen gewohnt ist. Der Vater wird sicher einige Dinge anders handhaben als die Mutter, es wird unterschiedliche Regeln geben, die Sprache kann sich unterscheiden, und, und, und. Dieser Stress wird nicht ausagiert, sondern „weggedrückt“ und ausgehalten.

Du kannst das vergleichen, wenn du dich in einer neuen, für dich unbekannten Situation befindest, möglicher Weise neue Menschen kennen lernst, oder am Anfang einer Beziehung stehst und mit der/m neuen Partner/in zusammen ziehst. Alles neu, noch nicht eingespielt, viele Fragen und Dinge, die abgestimmt, besprochen werden müssen. Das macht Stress. Jeder nimmt sich zurück und zeigt sich erstmal nicht in allen Facetten.

Und genauso ist es auch bei unserem dreijährigen Mädchen. Einerseits ist es toll, beim Vater zu sein, andererseits macht es aber auch Stress, weil noch so vieles neu und unbekannt ist. Weil es noch nicht weiß, wie der Vater in unterschiedlichen Situationen „tickt“.

Dann ist die Zeit beim Vater zu Ende, das Kind kommt zurück zur Mutter, ins gewohntes Umfeld, in den sicheren Hafen. Und was passiert? Der ganze Stress wird entladen. Hier in unserem Fall durch Wut und Aggression. Aber die Bandbreite an Reaktionen ist groß, jedes Kind bewältigt oder zeigt dies auf seine ganz eigene Art.

Dazu kommt noch, dass das Mädchen von den tollen Sachen, die es beim Vater erlebt hat, nicht erzählen will, weil es spürt, dass die Mutter auf den Vater nicht gut zu sprechen ist und gar nicht hören will, dass es dem Kind beim Vater gefallen hat. Wieder Stress. Neuer Stress.

Grundsätzlich gilt, Kinder erspüren unsere Befindlichkeit, wollen sich anpassen und es uns „recht“ machen. Sie wissen, sie brauchen uns, um zu überleben und wollen es sich mit uns nicht verscherzen. Das ist jetzt umgangssprachlich und leger ausgedrückt, trifft aber den Kern durchaus. Sie erfühlen unsere Befindlichkeit, interpretieren sie und verhalten sich so, wie sie unsere Erwartungen einschätzen.

Natürlich wollen beide Eltern nicht, dass das Kind sich anpasst und dadurch Stress erlebt. Es wird sich aber nicht ändern lassen. Weil das Weltverständnis von Kindern nun mal so ist. Es gibt nur die Möglichkeit, sich dieses Umstandes bewusst zu sein, das Kind gut zu beobachten und sich immer wieder einzufühlen und nach den Bedürfnissen zu schauen. Viel Verständnis ist notwendig. Und keine Frage, für den Elternteil, der den Stress eines Kindes auffangen muss, ist es eine schwierige Zeit. Denn er muss diese Verhaltensauffälligkeiten auffangen und ausgleichen. Und dass obwohl er sie vordergründig nicht verursacht.

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